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Geld anlegen

Geld anlegen für Anfänger
Der ehrliche Leitfaden

Dr. Markus Hartmann
Dr. Markus Hartmann · Leiter Vermögensstrategie
Geld anlegen - Titelbild

Das Wichtigste vorweg

Wenn Sie nur eine Sache aus diesem Artikel mitnehmen: Beginnen Sie jetzt, nicht perfekt.

Die meisten Menschen verlieren nicht Geld durch falsche Anlageentscheidungen – sie verlieren Geld, weil sie gar nicht anlegen. Wer 10 Jahre mit dem Sparbuch wartet statt zu investieren, verliert mehr als jemand, der suboptimal investiert.

Das gesagt: Hier ist, was Sie wissen müssen.

Die Grundregeln der Geldanlage

Regel 1: Rendite und Risiko gehören zusammen

Es gibt kein "hohe Rendite ohne Risiko". Wenn jemand Ihnen das verspricht, lügt er – oder versteht selbst nicht, was er verkauft.

AnlageformErwartete RenditeRisiko
Tagesgeld2-3%Minimal
Festgeld3-4%Minimal
Staatsanleihen2-4%Gering
Immobilien3-6%Mittel
Aktien (breit gestreut)6-8%Höher
Einzelaktien0-20% (oder Totalverlust)Hoch
KryptowährungenUnbekanntSehr hoch

Die Faustregel: Je höher die versprochene Rendite, desto genauer sollten Sie hinschauen.

Regel 2: Zeit ist Ihr größter Verbündeter

Der Zinseszins ist der stärkste Effekt beim Vermögensaufbau. Ein Beispiel:

StartMonatlichRendite p.a.Nach 10 JahrenNach 20 JahrenNach 30 Jahren
0 €500 €6%82.000 €232.000 €503.000 €
0 €500 €4%74.000 €183.000 €347.000 €

Der Unterschied zwischen 30 und 20 Jahren Sparzeit ist größer als der Unterschied zwischen 6% und 4% Rendite. Zeit schlägt Rendite.

Regel 3: Kosten fressen Rendite

Viele Anlageprodukte haben versteckte Kosten:

KostenartTypischWirkung bei 100.000 € über 20 Jahre
Ausgabeaufschlag (Fonds)5%5.000 € weg am Tag 1
Jährliche Gebühr 1,5%vs. 0,2%~35.000 € Unterschied
Beraterprovisionen1-3% p.a.Kann 50%+ der Rendite kosten

Die Rechnung: Ein Fonds mit 1,5% Kosten muss 1,5% mehr Rendite bringen als ein ETF mit 0,2% Kosten – nur um gleichzuziehen. Die meisten schaffen das nicht.

Regel 4: Diversifikation ist der einzige "Free Lunch"

Wenn Sie Ihr Geld auf viele Anlagen verteilen, reduzieren Sie das Risiko, ohne die erwartete Rendite zu senken. Das ist mathematisch beweisbar und heißt "Diversifikation".

Praktisch bedeutet das:

  • Nicht alles in eine Aktie
  • Nicht alles in ein Land
  • Nicht alles in eine Anlageklasse

Die Anlageformen im Überblick

Für Anfänger empfohlen: ETFs

Ein ETF (Exchange Traded Fund) ist ein börsengehandelter Indexfonds. Er bildet einen Index nach – zum Beispiel den MSCI World mit über 1.500 Unternehmen aus 23 Industrieländern.

Vorteile:

  • Extrem günstig (0,1-0,3% Kosten pro Jahr)
  • Breit diversifiziert
  • Einfach zu kaufen
  • Kein Expertenwissen nötig

Nachteile:

  • Keine Überrendite möglich (Sie bekommen den Marktdurchschnitt)
  • Volatilität (30-50% Verlust in Krisen möglich)
  • Abhängig vom Finanzsystem

Der Standard-ETF für Anfänger: Ein MSCI World ETF oder FTSE All-World ETF.

Tagesgeld: Die Liquiditätsreserve

Tagesgeld ist kein Investment, sondern Ihre Notreserve. Es bringt wenig Rendite, ist aber sofort verfügbar.

Empfohlen: 3-6 Monatsgehälter auf einem Tagesgeldkonto.

Festgeld: Planbare Rendite

Festgeld bindet Ihr Geld für eine feste Laufzeit (1-5 Jahre) und bringt dafür etwas mehr Zinsen als Tagesgeld.

Wann sinnvoll:

  • Sie brauchen das Geld sicher in 2-3 Jahren (z.B. für Hauskauf)
  • Sie wollen einen Teil risikofrei anlegen

Wann nicht sinnvoll:

  • Sie haben einen Horizont von 10+ Jahren (dann sind Aktien besser)
  • Sie brauchen Flexibilität

Aktien: Für Langfristiges Wachstum

Aktien sind Eigentumsanteile an Unternehmen. Langfristig (15+ Jahre) haben sie historisch alle anderen Anlageklassen geschlagen.

Für Anfänger gilt:

  • Einzelaktien nur, wenn Sie Zeit für Recherche haben
  • Ansonsten: ETFs auf breite Indizes
  • Nur Geld investieren, das Sie 10+ Jahre nicht brauchen

Immobilien: Komplexer als gedacht

Immobilien sind eine eigene Anlageklasse mit eigenen Regeln:

  • Hohe Einstiegskosten (Kaufnebenkosten 10-15%)
  • Klumpenrisiko (viel Geld in einem Objekt)
  • Laufender Aufwand (Verwaltung, Instandhaltung)
  • Wenig liquide (Verkauf dauert Monate)

Für Anfänger: Erst wenn die Grundlagen sitzen und genug Kapital vorhanden ist.

Sachwerte: Die Ergänzung

Sachwerte wie Edelmetalle sind keine Rendite-Anlage, sondern eine Absicherung. Sie gehören in ein diversifiziertes Portfolio, aber nicht an erster Stelle für Anfänger.

Später relevant: 10-20% des Vermögens in physischem Gold als Absicherung.

Der Anfänger-Plan: Schritt für Schritt

Schritt 1: Schulden tilgen (außer günstige Kredite)

Bevor Sie anlegen, tilgen Sie teure Schulden:

  • Dispo-Kredit (10-15% Zinsen) → Sofort tilgen
  • Konsumkredit (5-10%) → Schnell tilgen
  • Immobilienkredit (2-4%) → Kann parallel laufen

Die Logik: Eine garantierte "Rendite" von 10% durch Schuldentilgung ist besser als eine unsichere Rendite von 7% durch Aktien.

Schritt 2: Notgroschen aufbauen

Bevor Sie investieren, brauchen Sie einen Notgroschen:

  • Minimum: 3 Monatsgehälter
  • Ideal: 6 Monatsgehälter
  • Wo: Tagesgeldkonto (schnell verfügbar)

Warum: Damit Sie bei unerwarteten Ausgaben nicht Ihre Investments verkaufen müssen.

Schritt 3: Depot eröffnen

Sie brauchen ein Wertpapierdepot, um ETFs zu kaufen. Online-Broker sind günstiger als Filialbanken.

Empfehlenswerte Broker für Anfänger:

  • Scalable Capital
  • Trade Republic
  • ING
  • DKB

Kosten: Bei den meisten Online-Brokern sind ETF-Sparpläne kostenlos.

Schritt 4: Sparplan einrichten

Ein Sparplan kauft automatisch jeden Monat für einen festen Betrag ETF-Anteile. Das ist die einfachste Form der Geldanlage.

Beispiel-Sparplan für Anfänger:

BetragETFWarum
100%MSCI World ETFWeltweit diversifiziert, ein einziger ETF reicht

Bei größeren Beträgen (ab 500 €/Monat):

AnteilETFWarum
70%MSCI World ETFIndustrieländer
20%MSCI Emerging Markets ETFSchwellenländer
10%Europa oder Small CapsRegionale/Größen-Diversifikation

Schritt 5: Durchhalten

Das Schwierigste: Nichts tun, wenn die Börse fällt.

Die Statistik:

  • Durchschnittlich alle 5-7 Jahre gibt es einen Crash (über 20% Verlust)
  • Durchschnittliche Erholungszeit: 1-3 Jahre
  • Wer durchhält, hat historisch immer gewonnen

Der größte Anfängerfehler: Bei fallenden Kursen panisch verkaufen. Dann realisieren Sie den Verlust.

Die häufigsten Anfängerfehler

Fehler 1: Zu lange warten

Jedes Jahr, das Sie nicht investieren, kostet Sie den Zinseszins. Bei 500 €/Monat und 6% Rendite:

  • 1 Jahr später anfangen = ~50.000 € weniger nach 30 Jahren
  • 5 Jahre später anfangen = ~200.000 € weniger nach 30 Jahren

Fehler 2: Zu komplex starten

Sie brauchen keinen Berater, keine 10 verschiedenen Fonds, keine komplizierte Strategie. Ein einzelner Welt-ETF reicht für 90% der Anfänger.

Fehler 3: Market Timing versuchen

"Ich warte, bis die Kurse fallen" ist eine Strategie, die fast nie funktioniert. Studien zeigen: Sofort investieren schlägt Abwarten in den meisten Fällen.

Fehler 4: Teure Produkte kaufen

Aktiv gemanagte Fonds kosten 1-2% pro Jahr. ETFs kosten 0,1-0,3%. Der Unterschied summiert sich über Jahrzehnte auf Zehntausende Euro.

Fehler 5: Auf "heiße Tipps" hören

Wenn jemand Ihnen eine "sichere" Aktie oder Kryptowährung empfiehlt: Finger weg. Entweder ist der Tipp falsch, oder er ist nicht mehr aktuell.

Fehler 6: Bei Krisen verkaufen

2008, 2020, 2022 – wer in der Krise verkauft hat, hat den Aufschwung verpasst. Langfristanleger halten durch.

Wie viel sollten Sie anlegen?

Die 50-30-20-Regel

Ein einfaches Budget-Framework:

  • 50% für Fixkosten (Miete, Versicherung, Grundbedarf)
  • 30% für Lifestyle (Restaurant, Urlaub, Hobbys)
  • 20% für Sparen und Investieren

Bei 3.000 € netto wären das 600 € pro Monat zum Anlegen.

Mindestens das Minimum

Wenn 20% nicht möglich sind, starten Sie trotzdem:

  • 100 € pro Monat sind besser als nichts
  • 50 € pro Monat sind besser als nichts
  • Der Anfang ist wichtiger als die Höhe

Die Steigerungsstrategie

Erhöhen Sie Ihre Sparrate bei jeder Gehaltserhöhung:

  • 50% der Erhöhung → in Sparplan
  • 50% der Erhöhung → für Lifestyle

So wächst Ihre Sparrate automatisch, ohne dass sich der Lebensstandard verschlechtert.

Steuerliche Grundlagen

Der Sparerpauschbetrag

Die ersten 1.000 € Kapitalerträge pro Jahr sind steuerfrei (2.000 € bei Verheirateten).

Praktisch: Richten Sie einen Freistellungsauftrag bei Ihrem Broker ein.

Die Abgeltungsteuer

Auf Kapitalerträge über dem Sparerpauschbetrag zahlen Sie:

  • 25% Kapitalertragsteuer
  • 5,5% Solidaritätszuschlag darauf
  • Ggf. Kirchensteuer

Effektiv: Ca. 26-28% auf Gewinne über 1.000 €.

Thesaurierend vs. Ausschüttend

  • Ausschüttende ETFs zahlen Dividenden aus (werden sofort versteuert)
  • Thesaurierende ETFs reinvestieren Dividenden (Steuerstundung)

Für Anfänger: Thesaurierende ETFs sind etwas effizienter, aber der Unterschied ist gering. Wählen Sie, was Ihnen lieber ist.

Die nächsten Schritte nach dem Start

Nach 1-2 Jahren: Depot überprüfen

  • Läuft der Sparplan wie geplant?
  • Stimmt die Aufteilung noch?
  • Sind die Kosten niedrig?

Nach 5-10 Jahren: Portfolio erweitern

Wenn Sie mehr Vermögen aufgebaut haben, können Sie diversifizieren:

  • Immobilien (als Kapitalanlage oder selbstgenutzt)
  • Physisches Gold (10-15% des Vermögens)
  • Ggf. Einzelaktien (nur mit Expertise)

Ab 100.000 €: Strukturierte Planung

Mit wachsendem Vermögen werden neue Themen relevant:

Häufige Fragen von Anfängern

"Soll ich einen Berater nehmen?"

Für den Standard-Fall (Welt-ETF + Sparplan) brauchen Sie keinen Berater. Die Grundlagen können Sie selbst umsetzen.

Ein Berater kann sinnvoll sein bei:

  • Komplexer Situation (Selbstständigkeit, Immobilien, Erbschaft)
  • Sehr hohem Vermögen (ab 500.000 €)
  • Wenn Sie wirklich nicht selbst entscheiden wollen

Aber: Achten Sie auf Honorarberater (fixe Gebühr), nicht auf Provisionsberater (verdienen an Produktverkauf).

"Ist jetzt ein guter Zeitpunkt?"

Niemand weiß, ob die Kurse morgen steigen oder fallen. Statistisch ist "jetzt" fast immer ein guter Zeitpunkt, wenn Sie einen Horizont von 10+ Jahren haben.

"Was, wenn die Börse crasht?"

Dann kauft Ihr Sparplan günstig ein. Ein Crash ist für Langfristanleger mit Sparplan eine Chance, nicht eine Bedrohung.

"Wie viel Risiko soll ich eingehen?"

Die Faustregel: Nur Geld in Aktien, das Sie 10+ Jahre nicht brauchen. Der Rest in sichere Anlagen.

"Was ist mit Kryptowährungen?"

Krypto ist hochspekulativ. Wenn überhaupt, dann nur mit Geld, dessen Totalverlust Sie verkraften können. Für Anfänger: Finger weg.

Fazit: Einfach anfangen

Die beste Anlagestrategie ist die, die Sie durchhalten. Für die meisten Anfänger bedeutet das:

  1. Notgroschen aufbauen (3-6 Monatsgehälter auf Tagesgeld)
  2. Depot eröffnen (Online-Broker)
  3. Sparplan starten (MSCI World ETF, monatlich)
  4. Durchhalten (nicht bei fallenden Kursen verkaufen)
  5. Später erweitern (Diversifikation mit wachsendem Vermögen)

Mehr brauchen Sie am Anfang nicht. Alles andere – Einzelaktien, Anleihen, Immobilien, Sachwerte – kommt später.

Der größte Fehler ist nicht die falsche Anlage. Der größte Fehler ist, gar nicht anzufangen.

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Über den Autor

Dr. Markus Hartmann

Dr. Markus Hartmann

Leiter Vermögensstrategie

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